Norman SchüttUnf*ck IT | Pragmatische Modernisierung und Digitalisierung | Fractional CTO und Software Engineer für den Mittelstand

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Ich beobachte in letzter Zeit eine Menge Diskussionen über AI-Tools in der Softwareentwicklung. Und ehrlich gesagt: Die meisten gehen vollkommen an der Realität vorbei.
Die Utopie der Gatekeeper
Da argumentieren erfahrene Engineers gegen AI, weil es um Clean Code geht. Um Architektur. Um menschliche Problemlösungsskills. Um handwerkliche Perfektion.
Alles noble Ideale. Aber mal ehrlich: In welchem Universum leben diese Leute?
Die wenigsten Großprojekte sind so, wie es die Anti-AI-Gatekeeper gerne hätten. Konzerne versinken in Technical Debt. 99% aller Softwareprojekte sind weit weg vom Optimalzustand. Legacy-Code, der unter Zeitdruck entstanden ist, soweit das Auge reicht.
Die Ironie des Widerstands
Hier wird es interessant – und paradox.
Warum ist der Disconnect zwischen Idealzustand und Realität überhaupt Dauerzustand? Weil Entwicklungsteams nicht genug Zeit haben, ihre Arbeit richtig zu machen. Weil sie unter ständigem Lieferdruck stehen.
Aber AI könnte viele dieser Probleme lösen. Es beschleunigt einiges, wenn man es richtig einsetzt. Trotzdem gehen Engineers dagegen vor – aus Angst vor Qualitätsverlust.
Moment mal. Ist AI richtig eingesetzt wirklich auf schlechterem Niveau als das, was unter Zeitdruck eh entsteht?
Die Meta-Diskussion
Jede Diskussion um “AI kann das nicht” ist eine Meta-Diskussion, deren Argumentationsgrundlage aus einer Utopie herbeihaluziniert wird. Wir streiten über Perfektion in einer Welt voller Shortcuts und Quick-Fixes.
Engineers verteidigen einen Idealzustand, den sie selbst nie erreichen, gegen ein Tool, das ihnen helfen könnte, diesem Idealzustand näher zu kommen.
Das ist, als würde ein Marathonläufer ein Fahrrad ablehnen, weil er lieber “richtig” laufen möchte – während er gerade mit gebrochenem Bein humpelt.
Die unbequemen Fragen
Vielleicht geht es gar nicht um Code-Qualität. Vielleicht geht es um Identität und Kontrolle. Um die Angst, ersetzbar zu werden. Um das Gefühl, dass jahrelang aufgebaute Expertise plötzlich weniger wert sein könnte.
Das wäre menschlich. Verständlich. Aber “ich will das nicht” ist halt keine gute Grundlage für eine professionelle Diskussion.
Also verpacken wir es in rationale Argumente. Qualität. Standards. Handwerkskunst.
Was wäre, wenn…
Was wäre, wenn wir ehrlich über den aktuellen Zustand unserer Codebases sprechen würden?
Was wäre, wenn wir zugeben würden, dass der gestresste Entwickler um 23 Uhr vor dem Deadline wahrscheinlich schlechteren Code produziert als AI mit durchdachten Prompts?
Was wäre, wenn AI-Tools uns tatsächlich mehr Zeit für die Dinge geben könnten, die wirklich Handwerkskunst erfordern?
Was wäre, wenn wir aufhören würden, über eine Perfektion zu diskutieren, die in der Praxis ohnehin nicht existiert?
Keine Antworten, nur Fragen
Ich habe keine fertigen Antworten. Aber ich habe den Eindruck, dass wir die falschen Fragen stellen.
Statt zu fragen “Kann AI perfekten Code schreiben?” sollten wir vielleicht fragen: “Kann AI uns helfen, besseren Code zu schreiben, als wir es unter den aktuellen Bedingungen tun?”
Statt zu diskutieren, ob AI die Handwerkskunst bedroht, sollten wir vielleicht fragen: “Gibt es überhaupt noch Raum für Handwerkskunst in unserem aktuellen Arbeitsalltag?”
Statt über Idealzustände zu philosophieren, sollten wir vielleicht fragen: “Wie kommen wir von hier, wo wir sind, dorthin, wo wir sein wollen?”
Der Realitätscheck
Vielleicht ist es Zeit für einen Realitätscheck. Nicht nur bei AI-Tools, sondern bei unseren eigenen Ansprüchen und der Art, wie wir über Veränderung sprechen.
Denn am Ende des Tages kämpfen wir alle mit denselben Problemen: zu wenig Zeit, zu viel Technical Debt, zu hohe Erwartungen und zu wenig Ressourcen.
Die Frage ist nur: Wollen wir diese Probleme lösen oder lieber über sie philosophieren?
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Norman Schütt
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